Die Kinder-und Jugendhilfe St. Mauritz ist seit über 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Westfälischen Pflegefamilien (WPF) tätig. Dieses Familienkonzept bietet den aufgenommenen Kindern einen dauerhaften familiären Lebensraum an, in dem sie verlässliche und sichere Bindungserfahrungen machen können. Oftmals haben die Kinder in ihrer bisherigen Lebensgeschichte Vernachlässigung, seelische bzw. körperliche Misshandlung oder andere traumatische Erfahrungen erlitten. Kinder mit Behinderung kommen für dieses Familienangebot ebenso in Frage.

Die Westfälischen Pflegefamilien gewährleisten dafür eine umfassende pflegerische und behindertenspezifische Versorgung. Zukünftige Pflegeeltern werden intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet und für deren Bewältigung qualifiziert. Neben aller Fachlichkeit ist es wichtig, dass die Pflegeeltern die Kinder so mögen und annehmen können wie sie sind, sich auch an kleinen Entwicklungsschritten erfreuen und mit Humor und Gelassenheit durchs Leben gehen.

Auf Grund der besonderen Anforderungen im Pflegeverhältnis werden den Westfälischen Pflegefamilien FachberaterInnen an die Seite gestellt, die sie kontinuierlich und langfristig begleiten und unterstützen. Alle BeraterInnen verfügen über langjährige Berufserfahrung in der Jugendhilfe und haben eine beraterische und traumapädagogische Zusatzausbildung. Die Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz ist mit dem Konzept WPF ein Kooperationspartner des Landesjugendamtes. Verbindliche Standards und eine qualitative Weiterentwicklung des Systems WPF werden hierdurch gewährleistet.

Die Westfälische Pflegefamilie ist ein Angebot nach §33 Satz 2 SGB VIII / §54 SGB XII. 

Fallbeispiel:

Nicoles Weg in ihrer neuen Familie

Nicole wurde im Alter von 3 Jahren in der Krisenhilfe der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz aufgenommen. Die Eltern waren mit der Erziehung überfordert, die Mutter psychisch erkrankt.

DIE AUSGANGSSITUATION

Anfangs zeigte sich das Kind gegenüber den betreuenden Erwachsenen unsicher und ängstlich. Zeitweise geriet sie unter plötzlich auftretende hohe Anspannung, die sich durch große Unruhe äußerte. Nicole war nicht in der Lage, Gefahren einzuschätzen und wirkte zeitweise verwirrt und abwesend. Sie zeigte eindeutige Symptome eines traumatisierten Kindes. Gleichzeitig hatte sie viele Ressourcen, zeigte sich kontakt- und bewegungsfreudig, spielte gerne und malte tolle Bilder.

AUFNAHME IN DIE NEUE FAMILIE

Eine Rückkehr zu den leiblichen Eltern war ausgeschlossen. So konnten wir für Nicole eine neue Lebensperspektive in einer Westfälischen Pflegefamilie entwickeln. Sie lebt nun bei Familie Schmidt. Frau Schmidt ist Erzieherin, Herr Schmidt kaufm. Angestellter. Beide sind ungewollt kinderlos. Das Ehepaar wurde von uns sorgfältig ausgewählt und geschult. Die beiden fühlten sich nach Durchlaufen dieses Prozesses in ihrem Beschluss, ein Pflegekind aufnehmen zu wollen, bestätigt und bestärkt. Nach Auswahl und Vorstellung von Nicole durch unsere FachberaterInnen begann der Vermittlungsprozess, der sorgfältig begleitet wurde. Nicole zog dann im Alter von fast 5 Jahren bei Familie Schmidt ein.

DIE SITUATION HEUTE

Heute ist Nicole 11 Jahre alt, besucht eine Gesamtschule und sagt selbst, dass es ihr „meistens sehr gut geht und sie sich bei Mama und Papa sicher und wohl fühlt“. Bis dahin war es ein weiter Weg. Sie hatte ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, misstraute den Erwachsenen und konnte sich nicht fallen lassen. Ihre plötzlichen Stimmungsschwankungen waren zeitweise kaum aushaltbar und brachten die Pflegeeltern auch mal an die Grenzen. Auch die Umgangskontakte mit der leiblichen Mutter sorgten oft für Unruhe. Gut war, dass die leibliche Mutter Nicole die Erlaubnis geben konnte, in der Pflegefamilie groß werden zu dürfen.

Mit der Zeit zeigte Nicole Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, wurde innerlich freier und selbstbewusster. Und: Sie akzeptierte die neue Familie als ihre Heimat. Herr und Frau Schmidt wissen, dass es noch manche Krisen geben wird, würden es aber immer wieder tun: „Nicole passt zu uns. Sie ist „unser Kind“ geworden“.